Beispiele aus Dortmund

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Einführung

1933 wird in Dortmund die homosexuelle Subkultur zerschlagen. Zimmerwirtinnen und Nachbarn denunzieren auffällige Untermieter. Wer zum Beispiel in öffentlichen Toiletten Kontakt zu Männern sucht, setzt sich polizeilicher Verfolgung aus. Zunächst ermittelt die Kriminalpolizei, spätestens Ende 1937 schaltet sich auch das Referat zur Bekämpfung der Homosexuellen bei der Dortmunder Gestapo ein.

Bisher sind etwa 50 Männer namentlich bekannt, die während der NS-Zeit in Dortmund wegen Vergehens gegen § 175 StGB angeklagt worden sind. Dabei wird es sich nur um einen Teil der tatsächlich stattgefundenen Prozesse handeln. An den dokumentierten Gerichtsverfahren sind oft Minderjährige unter 21 Jahren beteiligt. Erwachsenen Männern fällt es vermutlich leichter, ihre Kontakte zu verbergen. Doch unter Druck gesetzt oder gar gefoltert, sehen auch sie sich zu Aussagen gezwungen, die Dritte belasten. Nicht wenige Männer versuchen dem Druck durch Selbsttötung zu entgehen.

Ungleich größere Gefahr droht vielen Verurteilten nach der Entlassung aus Gefängnis oder Zuchthaus. Sie werden nach verbüßter Haft in »polizeiliche Vorbeugehaft« genommen und in ein KZ überführt.

Zahlreiche Männer aus Dortmund, die die NS-Zeit überlebt haben, werden nach 1945 wiederum wegen Vergehen nach § 175 verurteilt. Oft stehen sie denselben Richtern und Staatsanwälten gegenüber wie in der NS-Zeit.

Beispiele aus Dortmund:

"Ein typischer Fall jüdischer Unverschämtheit !"

Louis Sch.

Als “einen typischen Fall jüdischer Unverschämtheit” sieht es die Gestapo an, dass der 55-jähriger Reisevertreter Louis Sch. im Februar 1935 in Begleitung junger Männer das Essener Automatenrestaurant “Areg” wiederholt aufgesucht habe.

Er habe in dem Lokal, in dem auch viele Jugendliche verkehren, seine Begleiter “geliebkost”, dadurch “erhebliches Aufsehen hervorgerufen und Ärgernis erregt” und schließlich Lokalverbot erhalten.

Dagegen beschwert sich der in Dortmund geborene Louis Sch. selbstbewusst bei der Polizei, obwohl ihn als schwulen Juden der nationalsozialistische Hass besonders betrifft. Wenige Wochen später wird er von Nachbarn denunziert, als er den 16-jährigen berufslosen Max F. in seine Wohnung einlädt. Bei den Vernehmungen gibt Sch. zu, homosexuell veranlagt zu sein. Beide leugnen jedoch, dass es zu sexuellen Handlungen gekommen sei.

Da die Polizei ihm kein Vergehen nachweisen und kein Strafv

erfahren einleiten kann, beantragt die Essener Gestapo bei ihrer Berliner Zentrale, Louis Sch. müsse “besonders aber zum Schutze der Staatsjugend […] für eine längere Zeit von der Straße entfernt werden. […] Es wird deshalb eine Schutzhaft bis auf Weiteres und Unterbringung in einem Konzentrationslager beantragt.” Am 21. Oktober 1935 wird Sch. in das KZ Esterwegen überführt, wo er nach 28 Tagen angeblich an einer Herz-/Lungenentzündung stirbt.

„Gutachten für und wider die Schutzhaft

Unmittelbar vor der Einweisung ins KZ weisen Louis Sch. und sein Bruder, ein Arzt, in mehreren Schreiben auf bestehende Krankheiten hin, u.a. Herz- und Asthmaleiden sowie die vollständige Erblindung des linken Auges. Sch. bittet, aus Krankheitsgründen aus der Schutzhaft entlassen zu werden, er wolle dann in ein Altenheim gehen.

Die Haft- und Arbeitsfähigkeit soll eine Untersuchung durch den Polizeimedizinalrat Dr. T. klären. Dieser stellt in einer ersten Untersuchung fest, Sch. sei “haftfähig und voll arbeitsfähig mit Brillenglas”, trotz Kurzsichtigkeit

auf dem rechten und Netzhautablösung auf dem linken Auge. Nach einer weiteren Untersuchung am 17. Oktober 1935 urteilt der Arzt: “Aufgrund der letzten Untersuchung halte ich Sch. für einen ziemlich verbrauchten Menschen. Er ist nicht voll arbeitsfähig und für ganz leichte landwirtschaftliche Außenarbeiten tauglich. Büroarbeiten vermag er auszuführen. […] Sch. ist Brillenträger, er vermag nur mit Brille zu arbeiten.”

Das zweite Gutachten schadet Sch. offenbar so sehr wie das erste.

Quelle: Rainer Hoffschildt, Die Verfolgung der Homosexuellen in der NS-Zeit, Berlin 1999

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"Schweigegeld in Höhe von 1000 RM"

Otto W., Gustav St., Hermann H., Hermann O. und Silvio P.

Alle fünf Angeklagten dieses verworrenen Falles werden am 11. November 1935 werden wegen “widernatürlicher Unzucht” verurteilt, drei Beteiligte außerdem wegen Erpressung. Sie erhalten Gefängnisstrafen zwischen 2 Monaten und 2 Jahren 3 Monaten.

Der 28-jährige Kaufmann Otto W. und der 36-jährige Drog ist Gustav St., beide auf der Münsterstraße wohnhaft, verkehren häufig mit jüngeren Männern niedrigeren Standes zwischen 20 und 23 Jahren. Die beiden werden von den jüngeren bestohlen und erpresst. Sie wollen zwei der drei jungen Männer töten, um sich vor weiteren Erpressungen zu schützen. Ein dilettantisch durchgeführter Plan mit vergifteten Brötchen scheitert. Nicht zuletzt daran, dass Gustav St. sich selbst an der Erpressung des Otto W. beteiligt und die Jungen in die Mordpläne einweiht.

Vor Gericht spielt der Mordvorwurf keine Rolle. Stattdessen bezichtigen sich W. und St. gegenseitig, homosexuellen Verkehr mit den Jüngeren gehabt zu haben. Otto W. erklärt vor Gericht, Gustav St. habe behauptet, dass Hitler, den er Finchen nennt, und Hess ein homosexuelles Verhältnis hätten.

Gustav St. wird nach verbüßter Haft 1942 in das KZ Natzweiler eingewiesen und stirbt dort am 17. Dezember 1942 angeblich an Verdauungsproblemen.

"Ich sterbe gern als Opfer des Nationalsozialismus ..."

Der Steuerberater Alex Damm sieht keinen anderen Ausweg als den Freitod, nachdem sein Nachbar ihn als homosexuell denunziert hat. Am 20. August 1936 wird er tot aus der Ruhr gezogen.

Der Rentner Hugo G. ist Zimmernachbar von Alex Damm. Schon länger hat er zahlreichen Herrenbesuch beobachtet, doch als er den Hitlerjungen Walter D. in Begleitung Damms sieht, erstattet er

Anzeige,»weil ich mich als Staatsbürger dazu verpflichtet fühle, zumal ich den Beschuldigten vorher gewarnt habe«. Auch Damms Nachbarin Martha K. gibt am 9. August bei der Polizei zu Protokoll, Damm, der früher Pater gewesen sei, habe häufig Herrenbesuche gehabt.

Die Polizei kommt zu dem Schluss, der bereits vorbestrafte 49-Jährige habe mit dem 15-Jährigen eine emotional gefärbte, sporadisch intime Beziehung unterhalten. Über Walter gelangt sie zu einem Kreis von Homosexuellen.

Einer der daran beteiligten Männer hat Walter am Losverkaufsstand des Winterhilfswerks in der Nähe des damaligen Cafes Rohland in der

Innenstadt kennen gelernt. Es ist zu wiederholten Intimitäten gekommen, Walter hat auch die beiden anderen Angeklagten besucht, die ihm meist geringfügige Geldbeträge zugesteckt haben.

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"Ein Kreis von Homosexuellen"

Heinrich N., Willi B., Erich W. und Max M.

Bei ihren Ermittlungen zum Fall Alex Damm stößt die Dortmunder Polizei auf einen “Kreis von Homosexuellen”. Nach dem Freitod des deutlich älteren Damm werden vier Dortmunder, ein Schlosser, ein Bäcker, ein Radiomechaniker und ein Konditor, im Alter zwischen 23 und 35 Jahren wegen “widernatürlicher Unzucht” vor Gericht gebracht. “Sie gingen darauf aus, junge Leute an sich zu ziehen und einander zuzuführen, um mit ihnen Unzucht zu treiben.”

Der Prozess vor dem Dortmunder Landgericht findet nach Damms Tod statt. Das Gericht verurteilt die Angeklagten am 16. November 1936 nach § 175 und nach § 175a StGB zu Freiheitsstrafen zwischen 6 Monaten und 2 Jahren. “Der Angeklagte N. ist mehrfach wegen gleicher und ähnlicher Taten bestraft worden. Da er auch in diesem Falle schwer gegen Gesetz, Moral und gesundes Volksempfinden verstoßen hat, waren ihm die bürgerlichen Ehrenrechte für drei Jahre abzuerkennen.”

Gnadengesuche werden abgelehnt. Zu Max M. heißt es lapidar: “M. führt sich in der Strafanstalt hausordnungsmäßig. Seine Arbeitsleistungen beim Erbsenauslesen sind nicht genügend. Die von M. begangenen Straftaten erfordern eine ausreichende Sühne, um einen nachhaltigen Eindruck auf M. zu hinterlassen und ihn dadurch vor Rückfälligkeit zu bewahren.”

“Der nationalsozialistische Staat erstrebt ein starkes, sittlich gesundes Volk. Die Volksgemeinschaft muß daher wegen der großen Gefahr für die heranwachsende Jugend und wegen des verderblichen Einflusses auf das ganze Denken und Handelnder einmal verseuchten Kreise mit allen Mitteln vor jedem widernatürlichen Treiben, insbesondere der gleichgeschlechtlichen Unzucht zwischen Männern, geschützt werden. Die Angeklagten haben hiergegen auf das gröbste verstossen. Die Taten der Angeklagten Nägeler, Bechmann und Weidner sind besonders scharf zu verurteilen, da dieselben sich in verwerflicher Weise an einem Minderjährigen vergangen und diesem schweren moralischen Schaden zugefügt haben.”

Aus der Urteilsbegründung des Landgerichts Dortmund im Prozess gegen vier Männer wegen Verstoßes gegen § 175 StGB, 16. November 1936. [ Quelle: Landesarchiv NRW, Staatsarchiv Münster ]

"Nicht würdig" für den Deutschen Beamtenbund

Hermann L., Walter Sp., Karl. H. und Paul U.

Am 25. Oktober 1936 wendet sich der 42-jährige Walter Sp. an die Kriminalpolizei, ihm seien in der Wohnung des 30-jährigen Hermann L., wo er übernachtet habe, mehrere Gegenstände und Wertsachen abhanden gekommen. Bei einer Hausdurchsuchung findet die Polizei zwar weder Hermann L. noch die gestohlenen Gegenstände, jedoch “Briefsachen” zwischen Hermann L. und Walter Sp., die auf homosexuellen Verkehr zwischen den beiden schließen lassen.

Hermann L., von Beruf Oberaufseher, ist mehrfach wegen Raub, Diebstahl und Hehlerei vorbestraft. Bei seiner Vernehmung gibt er homosexuelle Handlungen mit Walter Sp. zu, nicht aber mit dem 17-jährigen Arbeiter Karl H. Diesem habe er aber die von Sp. gestohlenen Gegenstände übergeben. Sp. wiederum bestreitet, unsittlich mit L. verkehrt zu haben. Zudem ist der 34-jährige Arbeiter Paul U., der keinen festen Wohnsitz hat, in den Fall verwickelt.

Am 16. Februar 1937 verurteilt die 2. große Strafkammer des Landgerichts Dortmund H. und U. zu 8 bzw. 9 Monaten Gefängnis. Die Verfahren gegen die anderen beiden Angeklagten werden abgetrennt. Hermann L. wird wegen Diebstahls im Rückfall und 3 Vergehen gegen § 175 zu 1 Jahr 6 Monaten Zuchthaus, Walter Sp. wegen Vergehens gegen § 175 in 2 Fällen zu 5 Monaten Gefängnis verurteilt. Seine Strafe ist durch die Untersuchungshaft verbüßt.

".. so muss ich erklären, dass hier alles auf Gegenseitigkeit beruhte"

Paul R., Josef H., Johann D., Hermann S., Rudolf H.

Nicht wenige schwule Männer werden auf öffentlichen Toiletten auf frischer Tat ertappt. Auch den 36-jährigen Fräser Paul R. aus Iserlohn nimmt die Dortmunder Polizei im November 1937 nachts fest, als er in der Toilette am Ostwall beobachtet wird. Sie wirft ihm vor, “daß er sich durch sein Verhalten dringend verdächtig gemacht habe, Homosexueller zu sein und sich auch als solcher betätige. Nach langem Hin und Her gab er dann zu, mit einem Bäcker Josef H. aus Dortmund […] homosexuellen Verkehr ausgeübt zu haben.”

Die Aussage Paul R.s löst eine Reihe weiterer Verhaftungen und Verurteilungen aus. Der 18-jährige Bäckergeselle Josef gibt die Beziehung zu. Die Polizei findet überdies in Paul R.s Wohnung verdächtige Briefe und Fotos von Männern. So gelangt sie an den 24-jährigen Johann D. und den 35-jährigen Hermann S. Über sein Verhältnis zu Hermann S. gibt Paul R. zu Protokoll: “Wenn ich gefragt werde, ob der Mann […] mit der Vornahme der Unzucht einverstanden war, so muß ich erklären, daß hier alles auf Gegenseitigkeit beruhte. Er wollte es genau so gerne wie ich.”

Die Lichtbildspezialsammlung der Gestapo durchgesehen

Bernhard Felix B

Der 31-jährige Vertreter Bernhard Felix B., bereits einige Male vorbestraft, darunter wegen Erpressung, ist aus der Reichsmarine wegen Krankheit entlassen worden. Nach Verbüßung einer eineinhalbjährigen Freiheitsstrafe hält er sich nach Feststellungen des Gerichts in Hamburg auf. Dort steht er unter polizeilicher Überwachung, versteht es jedoch, sich der Überwachung zu entziehen und sich 1937 nach Dortmund abzusetzen, wo er sich zunächst unangemeldet aufhält.

“Sowohl in Hamburg als auch in Dortmund hat der Angeklagte Unzucht mit Männern getrieben und sich dafür bezahlen lassen”, so das Gericht in der Urteilsbegründung. Er versucht in Dortmund, homosexuelle Männer um Geld zu erpressen, indem er droht, ihnen Unannehmlichkeiten zu bereiten. Der Tatbestand wird durch Zeugenaussagen und ein Geständnis von Bernhard Felix B. bestätigt.

Wegen “gewerbsmäßiger Unzucht” mit Männern und Erpressung in drei Fällen verurteilt ihn die 1. Große Strafkammer am Landgericht Dortmund am 19. März 1938 zu einer Gesamtstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten Zuchthaus. “Aus seinem ganzen Verhalten ist mit Sicherheit auf die Absicht des Angeklagten zu schließen, aus der wiederholten Unzucht sich eine dauernde Einnahmequelle zu verschaffen.”

Nach verbüßter Haft wird Bernhard Felix B. 1940 ins KZ Sachsenhausen eingeliefert. Weiteres ist über ihn nicht bekannt.

"Sehr starker Hang zur gleichgeschlechtlichen Betätigung"

Lutz B.

Im Mai 1938 stellt die Polizei den Lagerarbeiter Martin F. in der Bedürfnisanstalt Ecke Born-/Jägerstraße, nachdem sie ihn zuvor bereits in der Bedürfnisanstalt Kapellenstraße dabei beobachtet hat, “als er sich dort nach Art und Weise, wie dies Homosexuelle zu tun pflegen, aufhielt”. Martin F. beschuldigt daraufhin den 29-jährigen Elektriker Ludgerus B., genannt Lutz, mit ihm “Unzucht” getrieben zu haben. B. wird noch in der gleichen Nacht festgenommen.

Die Ermittlungen ergeben: Seit 1930 lebt und arbeitet Lutz B. in Dortmund. Er schließt sich in seiner Freizeit der Pfadfindergruppe eines Abstinenzlervereins an und wird bald mit der Leitung einer jüngeren Abteilung betraut. Bei dieser Gelegenheit knüpft er Kontakte zu Jungen. Ebenso in einem Dortmunder Schwimmverein. Weitere Kontaktmöglichkeiten mit Jungen ergeben sich bei Radtouren, die er an Feiertagen z.B. ins Bergische Land oder auch an den Rhein unternimmt. Mehrere der Jungen lernt Lutz B. im Thalia-Kino auf der Rheinischen Straße kennen, andere im Odeon, im Palast und im Ufa.

Lutz B. lehnt es ab, sich “freiwillig” entmannen zu lassen. Das Gericht attestiert ihm einen “sehr starken Hang zur gleichgeschlechtlichen Betätigung” und verurteilt ihn zu 3 Jahren Zuchthaus.

"Ich wollte einen Unfall vortäuschen"

Karl L.

Karl L. führt ein Doppelleben. Er arbeitet bei einem Stahlbauunternehmen als Werkmeister, ist verheiratet und Vater dreier Kinder. In dem kleinen Ort Westhofen gibt sich der mit dem Frontkämpferabzeichen ausgezeichnete ehemalige Soldat nach außen hin bürgerlich und rechtschaffen.

Doch am 9. September 1938 titelt die “Westfälische Landeszeitung”: “Ein gefährlicher Jugendverderber mit vier Jahren Zuchthaus bestraft.” Karl L. hat sich während der Arbeitszeit “zu persönlich” um einige der ihm unterstellten jugendlichen Mitarbeiter gekümmert. Dieser intensive Kontakt fällt einem Arbeitskollegen auf, die Personalabteilung erstattet Anzeige gegen Karl L., woraufhin die Dortmunder Gestapo die Festnahme anordnet.

Der mit der Festnahme verbundenen Bloßstellung versucht Karl L. zu entgehen, indem er einen als Unfall getarnten Suizidversuch unternimmt. Vor der Polizei gibt er zu: “Die ganze Nacht habe ich mit mir gekämpft. Am folgenden Morgen ging ich den Weg an der Ruhr entlang, und zwar so, dass ich ausrutschen und ins Wasser fallen musste. In Wirklichkeit hatte ich vor, Selbstmord zu begehen. Ich wollte einen Unfall vortäuschen, um bei meinem evtl. Tode meiner Familie die Rente zu erhalten.”

Nach verbüßter Haft wird Karl L. in das KZ Dachau überführt. Am 12. Februar 1943 stirbt er im KZ Sachsenhausen. Er trägt die Häftlingsnummer 52207.

Wehrwürdig, aber unwürdig für den Doktortitel

Dr. jur. Hans Funcke

Ende April 1940 erhält der Berliner Jurist Hans Funcke Post von der Universität Tübingen. Darin teilt ihm der Rektor lapidar mit, ihm sei die Doktorwürde zu entziehen, “weil Sie sich durch Ihr Verhalten […] des Tragens eines deutschen akademischen Grades unwürdig erwiesen haben”.

Funcke wird 1902 in Dortmund als Sohn eines wohlhabenden Apothekers geboren. Bei einer Razzia auf Homosexuelle in Berlin wird er 1934 verhaftet und acht Monate im KZ Lichtenburg inhaftiert. 1939 erkennt ihn ein Zeuge anhand eines in der Haft angefertigten Fotos in der Kartei der “Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung”. Dessen Aussage bringt Funcke für weitere 5 Monate ins Gefängnis.

Gegen den Entzug des Doktortitels legt er Beschwerde ein, da ihm das Gericht die bürgerlichen Ehrenrechte nicht aberkannt habe. “Solange ich zum Beispiel noch würdig bin, dem Vaterland mit der Waffe zu dienen, solange bin ich wohl auch würdig, den Doktortitel zu führen.” Wissenschaftsministerium und Universität widersprechen, wer seinen “widernatürlichen Neigungen nachgeht, läßt es an der vorbildlichen Charakter- und Lebenshaltung fehlen, die von dem Träger eines akademischen Ehrengrades gefordert werden muß”. Funcke überlebt die Nazizeit als Soldat. Als er 2002 rehabilitiert wird, ist er seit 14 Jahren tot.

Forschungsstand

„Bei strafbaren Handlungen wie Wirtschaftsvergehen, Betrug, Bestechung oder Unterschlagung lässt Tübingen beim Entzug des Doktortitels Milde walten. “Keine Nachsicht kannte sie jedoch bei Verstößen gegen den Paragraphen 175 des Strafgesetzbuches und entzog zwischen 1938 und 1945 in fünf solcher Fälle den Doktorgrad”, heißt es in der Tübinger Universitätszeitschrift “attempo!”. Nach vorläufigen Ergebnissen (2000) sind reichsweit in der NS-Zeit 1653 Doktorgrade entzogen worden. In 1151 Fällen ist diese Maßnahme mit der Aberkennung der Staatsangehörigkeit verbunden, hier handelt es sich vorwiegend um Juden, in 323 Fällen mit “strafbaren Handlungen”. In 56 Fällen wird Homosexualität bzw. Verstoß gegen den bis 1969 im Wesentlichen unveränderten § 175 als Grund der Aberkennung genannt.“

“Mich freiwillig einer Operation zum Zwecke der Entmannung zu unterziehen”

Heinrich E.

Seine Neigung zu 14- bis 18-jährigen jungen Männern wird Heinrich E. zum tödlichen Verhängnis. Er arbeitet als Ingenieur für das Dortmunder Stahlbauunternehmen Jucho, wo er den 15-jährigen Laufburschen Helmut H. kennen lernt. E. versucht, sich die Sympathie des Jungen durch kleine Trinkgelder zu erwerben. Dabei kommt es zu körperlichen Berührungen, die sich Helmut gefallen lässt. “Daraufhin nahm der Angeklagte den Unzuchtsverkehr mit dem Zeugen in großem Umfange auf”, fasst das Gericht in der Verhandlung die pedantisch quantifizierten intimen Begegnungen zusammen.

Vor Gericht räumt Heinrich E. seine gleichgeschlechtliche Orientierung ein. “Im Namen des Deutschen Volkes” verurteilt ihn das Landgericht Dortmund 1941 zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus. “Im übrigen hat das Gericht strafverschärfend berücksichtigt, daß der Angeklagte ein gefährlicher Jugendverderber ist. In völlig hemmungsloser Weise hat er es darauf abgestellt, sich den Zeugen mit allen Mitteln gefügig zu machen und in erschreckendem Umfang zu Unzuchtshandlungen mißbraucht.”

Nach der Haft, die größtenteils in der Haftanstalt Zweibrücken verbringt, wird Heinrich E. in polizeiliche Haft genommen. Im Klartext bedeutet das die Einweisung ins KZ. Nach elf Monaten im KZ Neuengamme stirbt Heinrich E. am 21. Januar 1944 im Alter von 63 Jahren angeblich an “cordialer Insuffizienz”.

Bewährung an der Ostfront

Bernhard T.

Am 4. Juni 1941 verurteilt die 1. Strafkammer des Landgerichts Dortmund den 34-jährigen Maschinisten Bernhard T. zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe. Den 19-jährigen Mitangeklagten Lehrling Heinz H. spricht die Kammer zwar schuldig, sieht aber von Strafe ab.

Beide wohnen nur etwa hundert Meter auseinander in der östlichen Innenstadt Dortmunds. Sie sehen sich im Sommer 1940 häufiger im städtischen Luftbad. Auf dem Weg von dort in die Stadt kommen sie ins Gespräch. Bernhard T. will dem Jüngeren das Schachspielen beibringen. Nach einigen Monaten gibt er Heinz H. pornografische Schriften offenbar heterosexueller Orientierung und nähert sich ihm sexuell, was dieser jedoch abweist. Weitere Wochen später zeigt er dem jungen Mann pornografische Bilder, greift ihm anschließend ans Geschlecht, was dieser nach anfänglichem Sträuben zulässt.

Bis zum 17. Dezember 1942 bleibt Bernhard T. in Haft. Nach seiner vorzeitigen Entlassung wird er zwecks Frontbewährung zu den Baupionieren eingezogen, später dient er an der Ostfront. Aus britischer Kriegsgefangenschaft entlassen, kehrt er zunächst nach Rheine und Ende April 1946 nach Dortmund zurück, wo er, wie vor seiner Verhaftung, als Maschinist bei Hoesch arbeitet. Die seinerzeit ausgesetzte Reststrafe wird ihm im Herbst 1946 auf dem Gnadenweg erlassen.

“… in ein Land, wo § 175 nicht bestraft wird”

Ein Fall aus den 1950er Jahren

Dreimal seit 1936 ist der 42-jährige Dekorateur Martin P. nach § 175 StGB verurteilt worden. Nun steht er im Mai 1952 vor einem Richter, dem der Ruf vorauseilt, “der Blutrichter von Dortmund” und ein “Säbelrassler” zu sein. In der Tat sieht es Richter Meyer als besonders verwerflich an, dass P. sich “offenbar nicht beherrschen kann und auch nicht beherrschen will, wie sich aus seinem grundsätzlichen Standpunkt zur Homosexualität ergibt”.

Später beschwert sich P. über seinen Richter: “Er ist ein Spießbürger von mittelalterlicher Ethik durchdrungen, und scheint die Erkenntnisse der Bio- und Psychologie nicht zu akzeptieren.” Doch es bleibt bei dem harten Urteil: zwei Jahre und vier Monate Gefängnis für Sex mit zwei 16-jährigen Jugendlichen, die er im Schwimmbad kennen gelernt hat. Die Sache ist aufgefallen, nachdem einer der beiden geschlechtskrank geworden ist.

Das Gericht sieht die Verführung der Jungen als erwiesen an. Sie hätten es ihm zwar “leicht gemacht”, aber nicht selbst die Initiative ergriffen. Das Gericht legt daher P. die “sehr üble Art” seiner Verfehlungen zur Last und erkennt ihm wegen seiner “ehrlosen Gesinnung” die bürgerlichen Ehrenrechte für drei Jahre ab.