Schwule Männer — Lesbische Frauen

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Homosexuelle Frauen und Männer: verfolgt – verschwiegen – vergessen

Zunächst ein Überblick über die Verfolgung schwuler Männer und lesbischer Frauen in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland, weitgehend ohne Berücksichtigung der lokalen Situation in Dortmund und Umgebung. Texte und Abbildungen dieses Teils entsprechen der unter Mitwirkung des Arbeitskreises entstandenen Dauerausstellung in der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache der Stadt Dortmund. Wir danken dem Stadtarchiv für die freundliche Genehmigung für die Verwendung der Texte.

Harter Kurs - keine Toleranz

In der Weimarer Republik hatte sich in den Großstädten, darunter auch Dortmund, eine besondere Freizeit- und Begegnungskultur für Schwule entwickelt. Die weit gehende Duldung in der Öffentlichkeit ging einher mit einer liberalen Auslegung einschlägiger Strafbestimmungen.

Nach der Machtübernahme verbot das NS-Regime die Vereine und Verlage, Bücher und Zeitschriften der schwulen Bürgerrechtsbewegungen. Restaurants und Bars wurden geschlossen, Treffpunkte in Parks und öffentlichen Bädern polizeilich observiert.

Zugleich hetzte die NS-Propaganda, Homosexualität gefährde den Fortbestand des Volkes, sie bedeute Vergeudung der “Zeugungskraft” des männlichen Teils der Bevölkerung. NS-Ideologen sahen in der Homosexualität eine Seuche, die grundsätzlich jeden deutschen Mann befallen könnte. Durch Verführung würde sie sich ähnlich einer Epidemie ausbreiten. Jugendliche seien besonders gefährdet; zu ihrer Bekämpfung die härtesten Maßnahmen notwendig.

In den zwölf Jahren der NS-Diktatur verbreiteten Propaganda und Verfolgungspraxis Angst und Schrecken unter den Betroffenen. Schwule Männer, aber auch lesbische Frauen mussten ständig auf der Hut sein, nicht als solche verdächtigt, denunziert und verhaftet zu werden.

Bekämpfung der Homosexualität des Mannes

Bekämpft wurde die Homosexualität auf vielfältige Art: durch Propaganda, Polizeiaktionen, Androhung von Gefängnis- und Zuchthausstrafen, von KZ-Haft und Kastration bis hin zur Todesstrafe. Ziel war die “Ausmerzung” der Homosexualität. Männer sollten vom Sex mit Männern abgehalten und zu so genannt normalen Männern “umerzogen” werden.

Deshalb wurde das Strafrecht drastisch verschärft: “Umerziehung durch Abschreckung”. Wer nicht vom Sex mit Männern abließ und erneut straffällig wurde, wurde nach Strafverbüßung in ein KZ deportiert: “Umerziehung durch Arbeit”. Bei homosexuellen “Entgleisungen” Jugendlicher wurden Hoffnungen in eine Psychotherapie gesetzt: “Umerziehung durch Anpassung”.

Nach der Verschärfung des § 175 im Juni 1935 nahm die Zahl der Verurteilungen deutlich zu. Für einen schnellen Zugriff durch Gestapo und Kripo schuf das Regime im Oktober 1936 beim Reichskriminalpolizeiamt in Berlin eine spezielle Instanz: die Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung.

Insgesamt wurden zwischen 1933 und 1945 rund 50.000 Urteile verhängt. Von etwa 100.000 Männern hatte die Reichszentrale die Personaldaten als Verdächtigte oder einschlägig Verurteilte erfasst.

Gefängnis – Zuchthaus – Konzentrationslager

Die Urteile der NS-Justiz waren hart und widersprachen rechtsstaatlichen Normen. Ersttäter wurden zu Gefängnis, im Wiederholungsfall zu Zuchthaus verurteilt.

Mehrfach einschlägig nach § 175 verurteilte Männer galten als “Hanghomosexuelle”. Die NS-Justiz sah in ihnen “homosexuelle Gewohnheitsverbrecher”. Nach Haftverbüßung drohte die Deportation in ein KZ.

Besonders hart fielen Urteile gegen Strichjungen und gegen Männer aus, die sich sexuell mit Jugendlichen (unter 21 Jahren) eingelassen hatten. Sie galten als “Verführer”, wurden nach Verbüßung der Zuchthausstrafe in ein KZ deportiert und/oder zur Einwilligung in eine so genannte freiwillige Kastration genötigt.

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges waren Sondergerichte und Militärgerichte ermächtigt, bei Delikten nach § 175a (so genannte Unzucht mit Abhängigen) gegen Angehörige der SS, der Polizei und des Offizierskorps der Wehrmacht die Todesstrafe zu verhängen.

Insgesamt wurden etwa 6 000 schwule Männer in KZ deportiert. Weniger als die Hälfte hat die Lagerhaft überlebt. Die Zahl der Männer, die kastriert wurden, wird auf 400 bis 800 geschätzt. Todesurteile sind verhängt und vollstreckt worden – so auch im Gefängnis “Lübecker Hof” in Dortmund. Genaue Zahlen sind nicht bekannt. Zwei Fälle sind bis jetzt nachvollziehbar.

Erst 1969 – 24 Jahre nach Kriegsende – wurde in Westdeutschland die NS-Fassung des § 175 korrigiert, 1994 der Schwulenparagraph als Folge der Wiedervereinigung ersatzlos gestrichen. Im Dezember 2000 verabschiedete der Deutsche Bundestag ein Gesetz, wonach die zwischen 1933 und 1945 nach § 175 Verurteilten als Opfer des NS-Regimes anzuerkennen und zu entschädigen sind.

Frauenbewegung und nationalsozialistische Frauenpolitik

Gesellschaftliche und politische Veränderungen in der Weimarer Republik hatten zu ersten Erfolgen der Frauenbewegung geführt. Das Wahlrecht und die Eröffnung neuer Chancen in der Berufs- und Arbeitswelt waren wichtige Voraussetzungen für die Emanzipation von Frauen. Zugleich bildeten sie die Rahmenbedingungen für erste Ansätze zur Ausbildung lesbischer Lebensformen und Identität. Interessenvertretungen, Verbände und Vereine konnten sich herausbilden. Damenclubs, Treffs und Lesbenzeitschriften wurden gegründet.

Die Machtübernahme der Nazis bedeutete das Ende der bürgerlichen Frauenbewegung. Um ihre Auflösung zu rechtfertigen, wurde auch weibliche Homosexualität als Grund genannt. Die Nationalsozialisten gaben vor, sie sei “lesbisch unterwandert”, habe ein “Sammelbecken” für lesbische Frauen dargestellt.

Die Auflösung oder Gleichschaltung der Frauenvereine, die Erfassung und ideologische Beeinflussung von Millionen “arischer” Frauen durch die NS-Frauenorganisationen und deren Unterordnung unter männliche Führungsinstanzen waren wichtige Gründe dafür, dass die Nazis in der weiblichen Homosexualität keine Gefahr sahen, die die auf männlicher Dominanz beruhende “Volksgemeinschaft” bedrohen könnte.

Lesbische Frauen waren eher Opfer der nationalsozialistischen Frauenpolitik als der Homosexuellenverfolgung. Das NS-Frauenbild reduzierte die Frau auf die Rolle als Ehefrau und Mutter. Sowohl Kampagnen gegen ledige und kinderlose Frauen als auch Diskussionen um eine mögliche strafrechtliche Verfolgung nötigten lesbische Frauen zu einem unauffälligem Verhalten in der Öffentlichkeit.

„1933 begann die Zerschlagung und Unterdrückung der Frauenbewegung und ihre “Gleichschaltung” unter männlicher Führung. Es traf eine Bewegung, die mit ihren Gleichberechtigungsforderungen die traditionelle bürgerliche Frauenrolle in Frage stellte. Insbesondere wollte die Frauenbewegung die materiellen Lebensbedingungen von Frauen verbessern. Dazu erkämpfte sie bessere Berufschancen und förderte erfolgreich die Mädchenbildung. Viele dieser Erfolge sind auf die Aktivitäten lesbischer Frauen zurückzuführen. Aber auch für sie war die Frauenbewegung Basis und Rückhalt. Bereits 1912, im Deutschen Kaiserreich und Ende der zwanziger Jahre verhinderte die gemeinsame Politik der ersten Homosexuellenbewegung, der ersten Frauenbewegung und sexualreformerischer Organisationen die Ausdehnung des “Unzuchtparagraphen” § 175 auf Frauen.“

Die Verfolgungssituation lesbischer Frauen

Die Nichtkriminalisierung weiblicher Homosexualität im Strafrecht

Keine strafrechtliche Verfolgung lesbischer Frauen Schreiben des Reichsministers der Justiz vom 18. Juni 1942

Keine strafrechtliche Verfolgung lesbischer Frauen
Schreiben des Reichsministers der Justiz vom 18. Juni 1942

verhinderte, dass lesbische Frauen auf ähnliche Weise und vergleichbar intensiv verfolgt wurden wie homosexuelle Männer. Sie teilten jedoch die Erfahrung der Zerstörung ihrer Klubs und Vereine, das Verbot ihrer Zeitschriften, die Schließung oder Überwachung ihrer Lokale und waren ebenfalls von Razzien bedroht.

Während der NS-Diktatur hat es nicht an Bestrebungen gefehlt, die Straffreiheit sexueller Beziehungen zwischen Frauen aufzuheben und den § 175 auch auf Frauen auszudehnen. Einzelne Juristen fürchteten die “Verführung” heterosexueller Frauen durch Lesben und dramatisierten einen befürchteten Geburtenausfall. Auch nach Ausbruch des Krieges wurde die Frage im Hinblick auf die Strafrechtssituation in einigen okkupierten Ländern erneut diskutiert. Eine Veränderung hat es nicht gegeben.

Strafrechtlich verfolgt wurden “lesbische Handlungen” nur, wenn sie an Minderjährigen, unter Anwendung von Gewalt, in der Öffentlichkeit oder unter Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen begangen wurden.

Möglicherweise sind lesbische Frauen von der Mitte der dreißiger Jahre einsetzenden Verfolgung so genannter “Asozialer” bedroht worden. Für die SS und für bestimmte rassehygienische Einrichtungen gehörten auch Prostituierte zum “Prototyp des Asozialen”. Darüber hinaus wurde von den Nazis ein besonderer Zusammenhang zwischen lesbischen Frauen und Prostituierten behauptet. Bis heute ist unbekannt, wie oft sich unter den als “asozial” Verhafteten auch lesbische Frauen befanden oder wie oft lesbische Frauen wegen angeblicher Prostitution verhaftet wurden.


Lesbische Kultur

In den zwanziger Jahren gab es eine vielfältige Kulturszene für lesbische Frauen. “Die Freundin” war die populärste und meist verbreitete Lesbenzeitschrift der Weimarer Republik. Lesbenzeitschriften wurden in Berlin an Zeitschriftenständen verkauft und waren im Abonnementbezug überall erhältlich. Ihr Anzeigenteil erfüllte eine wichtige Funktion im Kommunikationsnetz lesbischer Frauen.

Im Kabarett, in Theater und Film wurden Stücke mit lesbischen Inhalten aufgeführt. Lesbische Sängerinnen, Schauspielerinnen und Schriftstellerinnen waren populäre Stars. Die Nationalsozialisten entzogen vielen Kulturschaffenden ihre Existenzgrundlage durch Arbeits- und Auftrittsverbote. Sie mussten emigrieren. Wer blieb, war gezwungen ein Doppelleben zu führen.

Die Folgen der Diskriminierung waren tiefgreifend. Sie überdauerten die nationalsozialistische Herrschaft. Auch nach dem Krieg zogen sich viele lesbische Frauen ins Private zurück oder heirateten, um dem gesellschaftlichen Druck zu entgehen. Sie versuchten sich anzupassen und wurden “unsichtbar”.

In den Lesbenzeitschriften der zwanziger Jahre fanden sich zahlreiche Anzeigen und Veranstaltungshinweise von Lokalen aus dem Ruhrgebiet.

Das mondäne Tanzlokal
Zimmerstraße 28, Dortmund

Die Duisburger Felsenburg
Felsenstraße 95

Gasthof zum Landgericht
Feldstraße 9, Duisburg

Restaurant Weyh
Republikplatz 4
(heute Gerlingplatz), Essen
später das Essener Eldorado

Lesbischsein als zusätzlicher oder verschärfender Haftgrund

Jenny Schermann fand durch den Euthanasie-Arzt Friedrich Mennecke den Tod. Urteilsbegründung für ihre Inhaftierung: Jenny Schermann, geb. 19. 02. 1912, Frankfurt am Main, ledig, Verkäuferin in Frankfurt. Triebhafte Lesbierin, verkehrte nur in solchen Lokalen. Vermied den Namen “Sara”. Staatenlose Jüdin.

In den Zugangslisten des Frauen-KZ Ravensbrück sind am 30. 11. 1940 Elli Smula (26 Jahre) und Margarete Rosenberg (30 Jahre) verzeichnet. Als Haftgrund wurde bei beiden „politisch“ mit dem Zusatz “lesbisch” angegeben. Nach ihrer Entlassung 1938 verliert sich ihre Spur.

Die Berlinerin Elsa Conrad wurde von einer Bekannten denunziert. Sie wurde 1935 vom Berliner Sondergericht wegen “Beleidigung der Reichsregierung” zu 15 Monaten Gefängnis verurteilt. Vor Ablauf ihrer Haftstrafe wurde sie von der Gestapo in das Frauen-KZ Moringen eingewiesen. Die Begründung im Schutzhaftbefehl lautet: “Else Conrad hat sich öffentlich als Arierin ausgegeben und den Führer und andere Regierungsmitglieder in gemeiner Weise beschimpft.” Weiter sei “sie lesbisch veranlagt” und habe “Verhältnisse zu lesbisch veranlagten Frauen”.

Helene G. aus Schleswig-Holstein war Luftwaffenhelferin in Oslo. In der Luftwaffenunterkunft lebte sie mit ihrer Freundin zusammen. Als sich Helene G. die Zudringlichkeiten eines Vorgesetzten nicht gefallen ließ, kamen beide Frauen in Haft. Sie wurde in den letzten Kriegsmonaten unter dem Vorwurf der Wehrkraftzersetzung.

“Die weibliche Homosexualität ist grundsätzlich als ein strafbares Verhalten anzusehen, da sie geeignet ist, blutsmäßige Werte zu zersetzen, die Frau ihrem völkischen Pflichtenkreis zu entziehen. Die besonderen gegenwärtigen Verhältnisse, vor allem der große Verlust von Männern im Weltkrieg und die dadurch bedingten geringen Heiratsaussichten der Frau, lassen indessen eine strafrechtliche Verfolgung der lesbischen Liebe nicht für geeignet erscheinen. Die Einführung einer Strafbestimmung muß auf den Zeitpunkt verschoben werden, da die weibliche Homosexualität in ihrem größten Umfang nicht mehr reine Ersatzhandlung, sondern innere Haltungslosigkeit ist.”